Ukrainische Journalisten in der Gefahrenzone

Die Sicherheit von JournalistenInnen ist nach wie vor ein allgegenwärtiges und redaktionelles Thema, nicht nur in Deutschland. Am 31.08.2015 kam es zum Beispiel erneut zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Vor dem Parlamentsgebäude Werchowna Rada versammelten sich Demonstranten, die gegen die geplante Verfassungsänderung zur autonomen Verwaltung der Ostukraine demonstrierten. Vor Ort waren auch Journalisten der hiesigen Medien, so auch der Kollege Maksim Voloboev. Sie verfolgten zunächst wie alle anderen auch den Verlauf der Demonstration, die sich zunehmend radikalisierte. Ein Anruf erreichte Maksim aus seiner Redaktion, dem TV-Sender 5-Kanal*.

Er soll eine Live-Übertragung vorbereiten und durchführen, die allerdings zusätzliches Equipment erfordert. Er spricht sich mit seinem Kameramann ab, der ihm die Kamera übergibt, um die erforderliche Technik zu holen. In diesen Augenblicken eskaliert die Situation zwischen den Demonstranten und den Sicherheitskräften. Maksim schultert die Kamera, um die Szenen nicht ohne Aufzeichnung vergehen zu lassen. Die Menschen vor und hinter ihm bewegen sich, die Stimmen werden um ihn herum immer bestimmter und lauter. Noch ist sein Kollege nicht wieder bei ihm und die Minuten verstreichen. Plötzlich ertönt ein lauter Knall, womöglich ein Schuss oder Pyrotechnik. Es riecht nach Qualm und als sein Kameramann wieder bei ihm ist und sie beide das Equipment vorbereiten wollen verspürt Maksim einen heftigen Schmerz an seiner rechten Hüfte. Zuerst denkt der, er habe einen Schlag abbekommen, den er möglicherweise in dem Tumult nicht wahrgenommen hat. Er spürt wie der Schmerz heftiger wird und sich sein Hemd blutig färbt. Ein zweiter Knall und inzwischen wird auch ihm klar, dass es sich um eine Granate gehandelt hat, die zuvor in seiner Nähe detonierte. Sein Kameramann zerrt ihn eilig aus der Gefahrenzone, denn die Lage scheint vor Ort außer Kontrolle zu sein. Rettungskräfte nehmen sich Maksim an und bringen ihn in das nahe liegende hiesige Krankenhaus in Kiew. Die Diagnose ist nach der Röntgenaufnahme eindeutig: Granatsplitter befinden sich im Bereich seiner rechten Hüfte, der Knochen ist zum Glück unbeschadet. Sein breiter Ledergürtel fing die Splitter auf und lenkte die feinen Geschosse ab und verhinderten dadurch eine wesentlich schwerwiegendere Verwundung.

Im Interview mit dem VjAKK-Vorsitzenden Enno Heidtmann spricht er über seine Erfahrungen als Journalist in Krisengebieten. Erst kurz vor diesem Vorfall kehrte er aus der Region Donbass zurück, wo er mit seinem Kameramann das tagesaktuelle Geschehen aufzeichnet und auch vor Ort für die News vorbereitet. „Natürlich haben wir auch schon Situationen erlebt, die lebensgefährlich waren. Plötzlich befindet man sich mitten im Geschehen und Geschosse zischen an einem vorbei.“ Auf die Frage ob es Ironie gewesen sei, ausgerechnet in Kiew bei der Arbeit verletzt zu werden antwortet er: „Wir haben uns nach bekanntwerden wer dort vor Ort eigentlich demonstriert, innerlich darauf vorbereitet dass es eskalieren könnte, aber wirklich daran geglaubt habe ich nicht“. In Deutschland, den USA, Großbritannien und auch in anderen Ländern gibt es verschiedene Alternativen, dass sich Journalisten für einen Einsatz in einem Gefahrengebiet vorbereiten. Dort werden Themen wie die Erste Hilfe, das Erkennen von gefährliche Gegenständen wie zum Beispiel Minen und der Umgang mit dem Militär geübt. Gibt es ähnliche Möglichkeiten auch in der Ukraine? Voloboev sitzt in seinem Krankenzimmer auf dem Bett und nickt bei der Frage. „Ja, wir haben hier tatsächlich ähnliche Alternativen und erst vor zwei Wochen habe ich ein Training zur Erkennung von Minen und versteckten Ladungen absolviert. Ein paar Monate davor war ich bei einem speziellen Erste Hilfe Kurs. Wir haben auch schon von den internationalen Trainings gehört und das Interesse der Kollegen hier in der Ukraine ist auch vorhanden.“ Der Krieg und andere schreckliche Szenarien, die JournalistenInnen bei ihrer täglichen Arbeit erleben hinterlassen aber nicht nur physische Spuren. Nicht wenige erleben traumatische Ereignisse, die nur durch professionelle Unterstützung bewältigt werden kann. In Deutschland ist dafür das Dart-Center bekannt, welches den Sitz in den USA hat. Erleben JournalistenInnen in der Ukraine ebenfalls eine derartige Unterstützung, die möglicherweise durch die Redaktionen gefördert wird? Bei dieser Frage schmunzelt Maksim Voloboev. „Nein, ich persönlich kenne keine unmittelbare psychologische Unterstützung und in unserem Sender haben wir auch noch nicht wirklich speziell darüber gesprochen. Bei den Ausschreitungen auf dem Maidan gab es allerdings freiwillige Ärzte, die sich entsprechend auf Wunsch mit den Kollegen auseinandergesetzt haben“. Ob er es sich selbst vorstellen könnte, nach bestimmten Ereignissen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen? Voloboevs Gesichtsausdruck wird ernster und er antwortet: „Wenn es dieses Angebot geben würde, könnte ich es mir durchaus vorstellen, aber ich denke, im Augenblick bin ich stark genug und brauche es noch nicht. Wir Ukrainer sind glaube ich auch noch nicht so weit, um uns über eine psychologische Hilfe Gedanken zu machen.“ Während des Gespräches hebt er sein T-Shirt hoch und zeigt den neu angelegten Verband. Der Arzt hat ihm bestätigt, dass keine bleibenden Schäden zu befürchten sind. Neben ihm liegt ein kleiner Umschlag. Darin eingeschweißt befinden sich die Splitter, die ihm die Ärzte bei der Operation entfernt haben. Es ist ein ungewolltes Souvenir, welches ihn sicherlich mahnend an diesen Tag erinnern wird.

*Der TV Sender gehört dem Oligarchen und ukrainischen Präsidenten Pedro Poroschenko.

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