Authentizität statt Informationen aus zweiter Hand – Die Bedeutung des Krisenjournalismus

Bei großen Demonstrationen prallen in Chemnitz rechte und linke Lager zusammen.  Derweil bereiten syrische und russische Kräfte eine Offensive auf die Rebellenhochburg Idlib vor. Es ist mehr als vermessen, diese beiden Fälle auch nur ansatzweise zu vergleichen. In Syrien herrscht jahrelanger Krieg, in Deutschland sind es Einzelfälle, die zudem selbstredend eine ganz andere Intensität aufweisen.

Was haben jedoch beide Fälle gemeinsam? Die Situation in Chemnitz ist spätestens auf dem zweiten Blick unüberschaubar. Einige Medien und auch die Bundesregierung sprechen von Hetzjagden rechter Gruppen auf alles, was nach Migrationshintergrund aussieht,  andere von Demonstrationen besorgter Bürger. In Zeiten schneller, beliebiger und eben leider auch verfälschter Informationsverbreitung finden beide Seiten schnell Beweise für ihre Behauptungen. Die Wahrheit ist damit von vornerein eine Frage der eigenen Gesinnung und welchem Medium man eher zugewandt ist. So sollte es doch aber nicht sein, oder? Der Chefredakteur der Freien Presse in Chemnitz widersprach der Darstellung der Hetzjagden. Seine Redaktion habe etwas Derartiges nicht beobachtet. Vertrauenswürdig machte ihn vor allem ein Aspekt. Er oder ein Mitarbeiter war vor Ort, mittendrin.

Deswegen haben sie die Wahrheit nicht gepachtet, für den neutralen Beobachter aber eventuell einen Vertrauensvorschuss. Auch Redakteure anderer großer Medien waren vor Ort, sie sprachen von Hetzjagden. Die ganze Debatte um eine einzelne Vokabel, in die letzter Konsequenz und aus Gründen, die nur er kennen dürfte, sogar Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen einstieg, darf am Ende als Wortklauberei gesehen werden. Hetzjagd ist kein juristischer Begriff und unterliegt der Einschätzung der Beobachter. Zu diesen zählen in erster Linie die Journalisten, die sich vor Ort ein Bild machen wollten. Ihre Einschätzung ist für die öffentliche Debatte unerlässlich. Was jedoch im Zuge der Chemnitz-Ausschreitungen kaum thematisiert und skandalisiert wird: Es gab auch Angriffe auf Journalisten. Die Menschen, von denen man sich später erhofft, dass sie präzise Einschätzungen und vor allem Fakten vom Geschehenen geben. Das die Diskussion um ein Wort, die breite Öffentlichkeit mehr berührt als die Tatsache, dass Journalisten in Deutschland nicht mehr ungehindert ihrer Arbeit nachgehen können, ist erschreckend.  Bei den Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel in Hamburg war das noch anders. Dort hatte das BKA bereits im Vorfeld „schwarze Listen“ geführt und Berichterstattende von Beginn an die Arbeit erschwert.

Beide Fälle zeigen, dass Pressefreiheit auch in Deutschland verteidigt und unterstützt werden muss und in der Praxis keinesfalls ein Grundrecht ist, auf dem man sich einfach ausruhen kann. Und das dessen Einschränkungen gerade bei  Krisenjournalisten – denn nichts anderes sind die Kollegen, die sich bei Demonstrationen zwischen rechten und linken Lagern befinden – besonders leicht fällt.

Die großen internationalen Brandherde bilden natürlich eine andere, weit kompliziertere Gemengelage.  Die Vernetzung der Welt bringt mit sich, dass die Menschen in Deutschland alles erfahren – und gleichzeitig nichts. Sie sehen Bilder von Kämpfen, hören das Säbelrasseln von Politikern und Regierungen. Aber eigentlich sind die Konflikte viel zu unübersichtlich und vielschichtig, um immer erkennen zu können, wer wen und warum bekämpft. Spekulieren kann jeder und viel zu viele machen es. Für einen sinnvolle auf Fakten basierende Debatte reicht das aber nicht. Es braucht die mutigen Frauen und Männer, die in den Krisen- und Kriegsgebieten sind, Kämpfe und Leid hautnah erleben und von dort aus authentisch berichten.

Bedauerlicherweise ist die Welt nicht einfach. Rebellen sind nicht automatisch die Guten, Terroristen haben manchmal mehr Rückhalt in einer Bevölkerung, als man möchte und nur weil ein Staat Mitglied der Nato oder der UN ist, muss es Pressefreiheit noch lange nicht schützen. Nicht wenige bekämpfen sie sogar. Und nicht immer bleibt es dabei, dass Journalisten einfach „nur weggesperrt werden.“

In Deutschland kann man dankbar sein, dass es in anderen Teilen der Welt Menschen gibt, die sich in äußerste Gefahr begeben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Leib und Leben riskieren, um Diktaturen zu stürzen oder Kriegsverbrechen aufzudecken. In der Folge liegt es dann an den Politikern, Medienschaffenden, Lesern und Zuschauern, wie sie die Informationen einordnen. Doch um sie überhaupt zu bekommen, muss  gewährleistet werden, dass Krisen- und Kriegsjournalisten ihre Aufgaben als Arbeit angehen können. Nicht als Überlebenskampf.  Dass sie geschützt sind. Dass sie bestmöglich ausgestattet und vorbereitet werden.

Es braucht keine gebügelten Agenturinformationen, in denen Regierungssprecher sich zu Kampfhandlungen äußern. Selbst wenn sie nicht die Unwahrheit sagen. Die Menschen brauchen keine einfachen, sondern authentische Antworten. Von jemanden, der die Region und die Ängste, Sorgen, Geschichten der Menschen vor Ort kennt. Ob in Syrien, der Ukraine, Venezuela oder Chemnitz.

Text:Tim Prahle, 2. Vorsitzender VjAKK e.V.; Bilder: blogtalents.de

Schreibe einen Kommentar